Die literarische Gestalt

Die Gestalt Olavs ist hinter den Sagen und Legenden nur schwer fassbar. In den Legenden ist er der Repräsentant des Christentums, der die Trolle und Teufel vertrieb und Wunder vollbrachte. Viele Kirchen führen in ihrer Legende ihren Bau auf Olav zurück, oft in der Weise, dass er einen Troll dazu bewog. Für die Olavskirche auf Avaldsnes (Karmøy gegenüber Haugesund) wird die gleiche Geschichte erzählt, wie sie für den Dom von Lund berichtet wird und das Rumpelstilzchen-Motiv verwendet: Er schließt mit dem Troll Sigg einen Vertrag ab, dass dieser ihm die Kirche baue und, falls der König nicht bis zur Fertigstellung seinen Namen errate, erhalte der Troll das Leben des Königs. Der König belauscht zufällig die Frau des Trolls, erfährt den Naman und ruft den Troll beim Namen. Als der seinen Namen hörte und damit seinen Lohn verlor, stürzte er vornüber. Sein Kopf wurde zu dem Stein, der neben der Kirchenwand liegt. Auch viele Aitologien sind mit Olav verknüpft, so etwa die das Aussehen besonderer Felsformationen. Auch Täler werden darauf zurückgeführt, dass er mit einem Schiff zwischen den Bergen über Land fuhr. Diese Legenden haben mit der historischen Gestalt nichts zu tun.

Die mittelalterlichen Verfasser mussten sich entscheiden, ob sie über den Heiligen oder den König schrieben. Die kirchlichen Schriftsteller beschrieben Olav natürlich als Heiligen, und sie waren die frühesten. Als später auch der historische König Gegenstand der Saga wurde, hatten deren Verfasser das Problem, die bereits vorhandenen Texte kritisch zu prüfen. Daraus entstanden verschiedene Olavsbilder und auch Geschehensabläufe. Die Frage, ob Olav in der Schlacht bei Stikklestad bewaffnet oder unbewaffnet war. Der älteste Bericht über den Tod Olavs findet sich in einem englischen Officium aus dem 11. Jh., in welchem neben den kirchlichen Festgebeten auch kleine Lesestücke eingestreut sind. Dort heißt es, Olav war waffenlos und statt eines gewöhnlichen Schwertes habe der des Glaubens Schild und Schwert getragen, wie es Paulus im Epheserbrief forderte. Das gleiche ist in jüngeren altnorwegischen religiösen Texten zu lesen. In einer anderen legendarischen Saga wird gesagt, er habe ein Schwert getragen, aber weder Helm noch Brünne. Als er verwundet worden sei, habe er das Schwert von sich geworfen und für seine Feinde gebetet. Man kann nicht davon ausgehen, dass die Verfasser tatsächlich meinten, der König sei unbewaffnet in seine größte Schlacht gezogen. Hier wird der Heilige geschildert, und die frommen Verfasser erzählten nicht das, was gewesen ist, sondern die hinter dem Geschehen geglaubte Wirklichkeit, sie legten ihm also die Attribute bei, die zu einem heiligen Märtyrer gehörten. Diese Stereotyp über nahm die um 1170 auf Latein verfasste Passio Olavi. der persönliche Freund Olavs, Sigvad skald beschrieb die Schlacht um 1040 in seinem Gedenkgedicht Erfidrápa, das im 12. Jh. verschriftlicht wurde. Darin wird geschildert, wie der König in seiner Brünne mit dem Schwert kämpft. Snorri, der den König und nicht den Heiligen schilderte, hat sich an ihn gehalten und die königliche Prachtrüstung beschrieben.

Um 1030 begann die norwegische Kirche die Olavsmesse zu feiern. In dieser Messe wurde auch das Leben und Sterben Olavs geschildert, sowie die Wunder, die auf ihn zurückgeführt wurden, erwähnt. Sigvad skald erwähnt einige. Der Skald Einar Skúlason erwähnte 1150 in seinem Gedicht Geisli bereits 14 Wunder. Die "offizielle" Heiligenvita, die lateinische Passio Olavi, wendet in der gedruckten Ausgabe nur 7 Seiten auf die Lebensbeschreibung auf, aber um die 59 Seiten auf die Wunder. Die meisten Wunder haben Heilungen zum Gegenstand. Die vielen Olavsquellen im Lande sind Abbilder der Olavsquelle im Dom zu Trondheim. Manche Olavsquelle mag ursprünglich eine heidnische heilige Quelle gewesen sein.

Die Saga befasste sich im Gegensatz zur Legende mit dem irdischen König Olav. Seine Zeit als Wiking wurde ebenso berücksichtigt wie seine politischen Aktivitäten als König. Allerdings konnte auch der Sagaverfasser nicht ganz vom Status des Heiligen absehen.

Die älteste weltliche Quelle über Olav waren die Anfang des 12. Jh geschriebenen kurzen Königschroniken. Die älteste zusammenhängende Saga war eine im Þingeyrarkloster in Island zwischen 1160 und 1180 niedergeschriebene Olavssaga, von der noch ganz kleine Fragmente erhalten sind, als Buchrücken für Rechnungsbücher für den Zeitraum 1638 bis 1641, entdeckt im norwegischen Reichsarchiv. Davon abgeleitet wird eine "Mittlere Saga", die vollständig verloren ist. Von ihr abgeleitet ist die älteste legendarische Saga, die um 1200 verfasst wurde und so genannt wird, weil in ihr die meiste mündliche Legendenüberlieferung verarbeitet worden ist. Ebenso wurde sie in der verloren gegangenen Lífssaga Óláfs hins helga von Styrme Káresson (um 1220) benutzt. Diese wiederum floss zusammen mit der legendarischen Saga in die Saga Óláfs konungs hins helga des Snorri Sturluson und in die Fagrskinna (ebenfalls um 1220). Diese beiden wurden wiederum 1230 in Snorris Heimskringla verarbeitet.

Abgesehen von den zeitgenössischen Skaldendichtungen bietet die gesamte Überlieferung ein verzerrtes Bild von Olavs Gegnern. In den kirchlichen Quellen sind sie Feinde, Vertreter des Bösen, Teufelsdiener, Übeltäter und treulose Verräter. Das wussten auch die Sagaverfasser und vermieden solche Wortwahl. Adam von Bremen legt zwar auch Gewicht auf die Gegnerschaft zwischen Olav und Knut den Mächtigen, aber er schreibt auch über den Aufstand der norwegischen Häuptlinge, dass diese sich gegen Olav wandten, weil er deren Frauen wegen zauberei habe umbringen lassen. Dieser Gesichtspunkt ist eine historiserende Übernahme der kirchlichen Verteufelung von Olavs Gegnern. Noch weiter abgeschwächt findet sich dieser Zug in der Erklärung Snorris, Olavs Mörder, Tore Hund, habe sich Zaubermittel für 12 Männer verschafft, die sie praktisch unverwundbar machten. Bei der Schlachtbeschreibung lässt er dann Tore mit 11 Männern in der ersten Reihe gegen Olav kämpfen, ohne allerdings an dieser Stelle die Zaubermittel zu erwähnen. Snorri rechfertigt Olav nicht religiös, sondern politisch.

In der lateinischen Biographie ist das Ziel Olavs bei seiner Heimkehr nach Norwegen beschrieben als Sorge für das Landes Zukunft. Er wolle durch Gesetze des Adels Willkür zähmen und die Schwachen vor deren Willkür schützen.

Demgegenüber legt Snorri Olav nach seiner Heimkehr aus England eine programmatische Rede in den Mund, die gleichzeitig die Darstellungsleitlinie Snorris beinhaltet:

"... Ausländer herrschen über mein Eigentum, das früher mein Vater besaß und vor ihm mein Großvater und davor einer vor dem anderen meines Geschlechts und für das ich als gesetzlicher Erbe geboren wurde. Und nicht einmal damit sind sie zufrieden; denn sie haben allmählich alles genommen, was uns Verwandten gehörte, die wir von König Harald Hørfagre in gerader Linie abstammen. Manchen von uns haben sie einiges gelassen, anderen gar nichts. Nun möchte ich euch mitteilen, was ich seit langen bei mir erwogen habe, nämlich, dass ich Anspruch auf mein Vatererbe erheben will und dass ich weder den Dänenkönig noch den Schwedenkönig aufsuchen will und sie nicht um etwas bitten will, obgleich sie seit einiger Zeit zu ihrem Eigentum erklären, was Harald Hårfagre als sein Erbe hinterließ. Vielmehr will ich mein Erbe mit des Schwertes Spitze erobern und dazu meine Verwandtschaft und meiner Freunde und alle, die zu mir halten, um Unterstützung ersuchen. Und so denke ich diesen Anspruch geltend zu machen, dass nur zweierlei geschehen kann: Entweder werde ich wieder das ganze Reich erhalten und beherrschen, dass jene sich durch die Erschlagung meines Verwandten Olav Tryggvasons aneigneten, oder ich werde auf dem Erbe meines Geschlechtes fallen."

Hier wird deutlich der religiöse Gesichtspunkt durch den nationalen und dynastischen Gesichtspunkt ersetzt. Eine weitere Leitlinie bringt Snorri seiner Darstellung ist die des "gerechten Königs", die er in der Entgegensetzung zweier Herschertraditionen in der Nachfolge Harald Hårfagres darstellt. Programmatisch kommt dieser Gesichtspunkt in der Rede Røreks, eines Kleinkönigs aus dem Osten, vor seinen Mitkönigen kurz vor der Wahl Olavs zu Konig von Norwegen zum Ausdruck. Dort warnt Rørek seine Mitkönige, Olav die Königsherrschaft zu übertragen, indem er ihnen vor Augen stellt, dass zwar Håkon der Gute durch eine vorsichtige rechtsgebundene Herrschaftsausübung in Ordnung gewesen sei, aber Harald Hårfagre, Erik Blodøks und die Erikssöhne, sobald sie Alleinherrscher geworden seien, zu unerträglichen Tyrannen mutiert seien. Und das sei auch bei Olav zu erwarten. Snorri lässt nun Olav eine vorsichtige Regierungsweise angedeihen und immer für ein gutes Verhältnis zu den Bauern suchen. Bei Snorri erobert Olav seine Macht nicht militärisch, sondern durch die allgemeine Zustimmung bei der Königswahl. So wird Olav der moralisch Überlegene, und seine Kämpfe richten sich gegen gesetzesbrecherische und aufrührerische Kleinkönige, die ihn vorher ja gewählt haben sollen. Damit erhält Olav die Rechtfertigung zur gewaltsamen Niederschlagung des Widerstandes. Auch die Unterstützung der Abtrünnigen für den dänischen König Knut wird damit unrechtmäßig.

Eine zuverlässigere Sicht auf Olav bieten die zeitgenössischen Skaldenlieder. Diese sind in den Sagas in vielen Strophen zitiert. In Olavs Gefolge befanden sich eine Reihe isländischer Skalden. Drei von ihnen, Gissur Gullbráskald, Torfinn Munn und Tormod Kolbrunarskald begleiteten ihn auf seiner Flucht nach Kiew. Alle drei fielen in der Schlacht bei Stiklestad. Von ihnen ist im Gegensatz zu Ottar Svarte und Sigvat Tordsson nicht viel überliefert.